Zum 7.10.2023

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Alle dürften mitbekommen haben, was am vergangenen Wochenende in Israel passiert ist und alle dürften mitbekommen haben, dass dies nicht einfach irgendein Anschlag war. Die Opferzahl kletterte immer weiter nach oben, das Ausmaß des Überfalls der Hamas auf Israel wird erst nach und nach deutlich. Über die grausigen Details kann sich informieren, wer will, sicher jedenfalls ist, dass die Hamas dem Islamischen Staat in nichts nachsteht, wenn es darum geht, ihren Feinden auf möglichst bestialische Weise das Leben zu nehmen.

 

Es gibt nicht einfach nur Frieden und als Gegenteil davon irgendwie Gewalt, sondern es gibt Abstufungen der Gewalt. Es gibt Gewalt, die nicht nur darauf abzielt, den Gegner oder Feind zu besiegen, und die Gewalt dafür ist eine Notwendigkeit; es gibt eine Gewalt, die überschreitet das „Notwendige“. Sie zielt darauf ab, sich an den Feinden zu vergehen, in ihrer Erniedrigung eigene Befriedigung zu finden. Sie ist ein Zelebrieren der eigenen Macht über die Überwältigten oder Besiegten, und es ist eine Gewalt, die darauf abzielt Angst und Schrecken auszulösen, oder besser gesagt, auch bei denen, die die Gewalt als Außenstehende wahrnehmen, dass Gefühl der ins hilflose Entsetzen sich ausbreitenden Ohnmacht auszulösen. Die Hamas übertrug das Morden live im Internet, via TikTok konnte – wer wollte – zuschauen, wie Menschen entführt und Leichen geschändet wurden und wer wollte konnte, wie es auch geschah, via SocialMedia in Echtzeit seine Unterstützung ausdrücken.
Das taten nicht wenige. Unterstützung kam vor allem von Jenen, die sich den palästinensischen Bestrebungen ganz allgemein verbunden fühlen. Um was für Bestrebungen es sich dabei handelt, das wird dabei im Konkreten immer je nach eigenem Gusto bestimmt. Mal ist es der Kampf der Palästinenser:innen gegen Unterdrückung, gegen das „Apartheidregime“, gegen den US-Imperialismus, gegen die völkerrechtswidrige Besiedlung palästinensischer Gebiete, gegen Kolonialismus. Und das, was dann passiert, so lange es von Palästinenser:innen getan wird und es sich gegen Israel richtet, wird dann zum Ausdruck dessen, was man meint, was dort so passiert. Die Grausamkeit dessen, was die Hamas nun am Wochenende tat, drang bei vielen Unterstützer:innen der in ihrem Sinne dort immer stattfindenden palästinensischen Sache gar nicht mehr bis ins Bewusstsein vor. Es war das, was man denkt, was dort berechtigterweise immer getan wird: Ein Kampf gegen die israelische Vormachtstellung, ein sich heldenhaftes Widersetzen gegen den übermächtigen Oppressor, ein Kampf David gegen Goliath. Und in einem solchen sind eben alle, die sich wahrhaft dem Fortschritt und der guten Sache verpflichtet fühlen, auf der Seite Davids. Und für all das hat sich die israelische Bevölkerung selbst die Schuld zuzuschreiben. Hinzu kommt für die aktuelle Situation, dass ja sich alle anderen Nationen, die insbesondere im Fokus einer progressiven Kritik stehen, sich auf die Seite Israels stellten und ihre Unterstützung zusicherten, insbesondere der sogenannte Westen, während alle Länder, die unter dem Westen und seinen als wahlweise imperialistischen, kolonialistischen oder sonstwie bezeichneten Bestrebungen leiden eher zurückhaltend reagierten, wie etwa China und Russland. Dieser Umstand dient insoweit als eine Art Beleg dafür, dass mit Israel wohl etwas faul sein müsse und die Hamas damit im Recht. Vielleicht lässt sich noch der eine oder die andere dazu durchringen, dass das mit den Zivilist:innen nicht hätte sein müssen, aber vom Grunde her gibt es Zustimmung und Verständnis, denn schließlich wehrten sich die Menschen dort nur gegen ein ihnen anhaltend angetanes Unrecht.
Neben bürgerlichen und akademischen Linken, die aus vermeintlich antirassistischen oder antikolonialistischen Motiven ihre Unterstützung ausdrückten, sind es auch radikale Linke, die solche Positionen einnehmen. Vor allem kommunistische Gruppen feierten den Angriff in Echtzeit mit und gaben ihre „From the River to the Sea“ Sprüche zum Besten; auch abseits davon aber kam es zu wenig auch nur empathischen Reaktionen, gerade auch dort, wo sonst die Empathie als ach so wichtig für die eigene Politik in Szene gesetzt wird. Politisch aber hat sich soweit bisher kaum jemand geäußert. Die Gründe dafür liegen wohl auf der Hand: Diejenigen, die es mitbekommen haben, denken wohl ungern an die Zeit zurück, in welcher sich innerhalb der radikalen Linken zum Israel-Palästina-Konflikt die Köpfe heiß geredet wurden und zum Teil auch die Fäuste flogen. Der Konflikt hinterließ damals eine tiefe Spaltung der Bewegung und wurde auch nicht irgendwie „beigelegt“, sondern er ebbte einfach mit der Zeit ab und rückte in Anbetracht anderer Themen in den Hintergrund. Es mag so scheinen, als ob aktuell niemand bereit ist, inhaltlich wieder in das Thema einzusteigen, um alte Gräben nicht wieder aufzureißen, und das auch nicht in Anbetracht des stattgefundenen Massakers und der nun darauf folgenden Militäroffensive in den Gazastreifen hinein. Allein aus der Scheu vor dem Konflikt wird sich wohl lieber zurückgehalten, als das offen Partei ergriffen wird, davon dass eine politische Position bezogen wird ganz zu schweigen. Und es gibt auch Gründe dafür: In Deutschland selbst wächst eine starke und agile faschistische Bedrohung heran, der wir als radikale Linke aktuell fast NICHTS entgegen zu setzen haben. Wir müssen zusammenfinden, um uns mit diesem Problem zu konfrontieren. Wir können es uns nicht leisten, uns auseinanderzudividieren, wir sind eh schon viel zu wenige.
Wir sagen das nicht, um hier zu moderieren oder zu vermitteln. Der Widerspruch in der Bewertung der Ereignisse innerhalb der radikalen Linken wird sich mit anhaltendem Konflikt nicht ignorieren lassen. Die Positionen, um die es gehen wird, sind leider schon klar und sie werden genauso wenig sich vermitteln lassen, wie zu anderen Zeiten, wo darüber „diskutiert“ wurde. Weder das Abschlachten wird niemanden dazu bewegen, seine Position zu verändern, auch die Militäroffensive gegen den Gazastreifen bei Inkaufnahme des Leidens der Bevölkerung nicht. Vielmehr dürfte es so sein, dass sich alle in Anbetracht der aktuellen Ereignisse noch in ihrer jeweiligen Position bestärkt fühlen. In Anbetracht dessen erscheint es uns selbst ganz sinnlos, etwas Inhaltliches zu sagen, aber wir machen es trotzdem und zwar weil wir uns sicher sind, dass es auch in schwierigen Verhältnissen und auch in Anbetracht einem selbst sehr eindeutig scheinenden Ereignissen nötig bleibt, zu diskutieren und sich auseinanderzusetzen.

+/+ Zur Hamas

Es war zu lesen, dass manche die Taten der Hamas, überhaupt die Absichten der Hamas für einen Ausdruck des Antikolonialismus halten; in abgeschwächter Form als Ausdruck des Kampfes von Unterdrückten gegen ihren Unterdrücker. Und man kann überhaupt nicht leugnen, dass dieser Kampf eines Unterdrückten gegen seinen Unterdrücker, oder eben der Kampf eines Besetzten gegen seine Besatzer nicht auch Teil dieses Konfliktes ist. Selbst wenn es ein Leichtes ist, die Hamas ihres eliminatorischen Antisemitismus zu überführen (es steht in ihrer von ihnen selbst formulierten Charta, dass sich der Kampf explizit gegen die Juden richtet), bleibt auch das Element des Kampfes gegen die Besatzung erhalten.
Aber: Nicht die Besetzung der palästinensischen Gebiete und auch nicht die Gründung des Staates Israel hat die Anhänger der Hamas zu Antisemiten gemacht; sie und auch die Strukturen, aus denen sie hervorgingen, waren schon davor Antisemiten und da wo sie es nicht waren, waren sie gegen die einsetzende Liberalisierung der Gesellschaft. Der Antisemitismus und der Hass gegen die Moderne entwickelte sich nicht aufgrund von Besatzung, sondern er besteht als Hass gegen den gesellschaftlichen Wandel, also dem Inhalt der Besatzung, schon seit viel längerer Zeit und zwar ab dem Zeitpunkt, wo überhaupt die erste Konfrontation mit einem militärisch überlegenen „Westen“ zustande kam. So entwickelte sich etwa unter der Besatzung Ägyptens durch das napoleonische Frankreich zweierlei: Auf der einen Seite eine Feindschaft gegenüber der Besetzung durch die Franzosen. Schließlich hatten diese Familienangehörige ermordet, geplündert und weiteres. Auf der anderen Seite entwickelte sich in der Folge aber auch etwas, was gerade den Marginalisierten und den Minderheiten in Ägypten zum Vorteil gereichte. Schließlich wurde die bisherige Elite entmachtet und ein gesellschaftlicher Wandel in Gang gesetzt, der eine gewisse Liberalisierung in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens mit sich brachte. Die entmachteten Eliten fanden dementsprechend sich auf zweierlei Weise entmachtet: Zum einen waren sie nicht mehr die allein regierende Macht im Staate, zum anderen veränderte die Gesellschaft sich in einer Weise, wie sie es nicht wollten. Ihr Widerwillen richtete sich also nicht nur gegen ihre Entmachtung und die Besatzung, sondern auch gegen die Veränderung der Gesellschaft, die ja explizit auf den Erhalt ihrer eigenen Macht ausgerichtet war. Vergleichbares war ja auch in der jüngsten Vergangenheit in Afghanistan zu beobachten: Erkennbar gab es einen breiten gesellschaftlichen Widerwillen gegen die amerikanische Besatzung des Landes auch bei denen, die sich nicht mit den politischen Interessen der Taliban identifizieren konnten. Zugleich aber gab es ja einen gesellschaftlichen Wandel, der vielen Menschen etwas ermöglichte, was die Taliban vorher verboten hatten. Ebenso kamen die Inhalte der Ideologie der Taliban nicht als Reaktion auf die Besatzung durch die USA, sondern bestanden schon vorher; das Ziel der Taliban war immer eine Rückkehr zu den alten und traditionellen gesellschaftlichen Bedingungen vor der Besatzung.
Gleiches gilt auch für die Hamas. Die Hamas ging aus dem palästinensischen Ableger der Muslimbruderschaft hervor, die ihren Ursprung unter der britischen Besatzung Ägyptens Anfang des 20. Jahrhunderts hatte. Zentrales Ziel der Muslimbruderschaft war neben der Beeindigung der Besatzung die Errichtung eines islamischen Staates mit der Sharia als Gesetz. Hinter der britische Besatzung allerdings wähnte man schon damals den Einfluss einer jüdischen Verschwörung: Die Juden wurde verantwortlich gemacht sowohl für die Aufklärung und die damit einhergehende politische Gleichheit aller Menschen in einem Staat, sowie für den Marxismus, also eine angestrebte ökonomische Gleichheit aller Menschen. Beides aber wollte man nicht, die Menschen wurden und werden von der Muslimbruderschaft weder als gleich angesehen, noch ist eine solche Gleichheit angestrebt. Schon die Muslimbruderschaft in Ägypten führte in den 1930er Jahren antisemitische Proteste gegen Juden in Ägypten durch, und dies ganz ohne eine „Besatzung“ durch die Juden. Ihre Ideologie fasste Hassan Al Banner in den 30er Jahren so zusammen: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt. Die Illusion, die uns gedemütigt hatte, besteht in nichts anderem als der Liebe zum weltzugewandten Leben und dem Hass auf den Tod“. Als Ziele wurden die folgenden formuliert: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch“.
Vieles hiervon findet sich auch in der Grundcharta der Hamas wieder, die sich in den 1980er Jahren aus dem palästinensischen Ableger der Muslimbruderschaft entwickelte. So wird etwa die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“ als geheimer Plan der Juden für die Weltherrschaft angenommen. Auch der Bezug auf den Tod bleibt der gleiche, bzw. wird noch radikalisiert: So sagte der Hamasführer Abdel-Aziz Rantisi Anfang der 2000er in einem Interview: „The Jews will lose because they crave life but a true Muslim loves death,” („Die Juden werden verlieren, weil sie sich ans Leben klammern, aber ein wahrer Muslim liebt den Tod.“) Auch die Ziele bleiben denen der Muslimbruderschaft verwandt: Der Zielspruch der Muslimbruderschaft findet sich im Wortlaut in der Hamas Charta.
Wir denken, es ist wichtig zu verstehen, dass die Hamas ihren Hass auf die Juden nicht aus der Politik Israels bezieht, sondern aus bereits davor existierenden Strukturen entwickelte, die ihren Hass auf die Juden aus einer Weltsicht ableiten, in denen die Juden zu den Verschwörern hinter der Moderne werden, die das Ziel hat, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen und dadurch an die Weltherrschaft zu gelangen. Wer dafür mehr Belege haben will, der lese sich einmal die Charta durch. Es soll hier keinesfalls unterschlagen werden, dass es eine weitere, modernisierte Fassung der Charta aus den 2010er Jahren gibt, in welcher nicht mehr von den Juden, sondern vom Zionismus als Feind gesprochen wird. Das, was zuvor den Juden zugesprochen wurde, ist nun alles dem Zionismus zugeschrieben; hinter der Verschwörung steckt nun dieser und nicht mehr allgemein „die Juden“. Allerdings ist die Struktur die Gleiche, es sind die Zionisten, die hinter der Weltverschwörung stecken, die dann Marxismus, Aufklärung und dergleichen in die Welt setzen um die Menschen zu beherrschen und darüber hinaus gibt es auch hierzu eine Reihe von Äußerungen, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob dies auch so gemeint ist; sicher ist jedenfalls, dass es nichts daran ändert, woraus das Motiv im Kampf gegen Israel abgeleitet wird.
Die Hamas hätte sich nicht im Gazastreifen durchsetzen können, wenn es nicht auch eine gewisse Akzeptanz dafür in Teilen der Bevölkerung in Gaza gegeben hätte. Es ist gut möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich, dass diese Unterstützung stärker aus den negativen Auswirkungen des Konflikts mit Israel resultiert, als aus der Überzeugungskraft des ideologischen Unterbaus der Hamas. Doch bleibt es dabei, dass die Hamas vor allem ihr eigenes Anliegen verfolgt: Die Errichtung eines Islamischen Staates mit der Sharia als Grundlage. Sie setzen sich also immer nur insoweit für die Interessen der Bevölkerung ein, sofern diese ein Interesse daran hat, in einem islamische Staat zu leben. Wer jedenfalls davon ausgeht, beides fiele zusammen, der sagt damit auch immer etwas über die palästinensische Bevölkerung aus, was denen nicht sonderlich zu Vorteil gereicht.

+/+ Freedom for Palestine

Es ist bei dieser Parole, die ja weltweit eine starke Unterstützung findet, zu fragen, was jemand damit meint. Wenn wir die oben schon erwähnte Parole „From the River to the Sea“ nehmen, dann ist damit auch das gesamte Gebiet Israels gemeint. Frei ist also Palästina, wenn dieser Staat getilgt ist. Wie aber soll dies vonstattengehen? Eine praktische Variante haben wir nun am vergangenen Wochenende gesehen: Durch bestialisches Morden. Wir denken, dass die meisten, die diese Parole unterstützen, dies gar nicht so meinen. Sie meinen es vielleicht eher auf einer abstrakten Ebene. Gemeint ist dann vielleicht irgendwie damit, dass die Menschen, die in den palästinensischen Gebieten ein unbestreitbar schlechtes Leben führen, ein würdevolles Leben führen können sollen. Und wer sich das wünscht, oder sich dafür einsetzt, dass dies auf einem Weg jenseits von Mord und Totschlag passiert, hat dafür sicherlich gute Gründe. Allerdings kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass die Parole im Mindesten arg missverständlich ist, weil sie auf gleiche Weise in dem davor bereits genannten Kontext verwandt wird. Es ist nicht leichterdings möglich, nun im eigenen Sinn die Parole weiterzuverwenden und dann immer ganz überrascht zu sein, wenn jemand damit assoziiert, dass dies nicht eine Art konsensualer Nachbarschaft bedeuten soll, sondern die Tilgung des Staates Israel und die Errichtung eines neuen Staates Palästina als und dies zusätzlich auf eine Weise, wo jedes und auch wirklich jedes Mittel recht ist. Vor allem jetzt, im aktuellen Kontext, ist es ganz und gar unplausibel, hinzugehen und „Freedom for Palestine“ oder „Free, free, Palestine“ zu skandieren und damit nicht ganz bewusst in Kauf zu nehmen, dass es so wirkt, als beziehe man sich mit seiner Parole unterstützend auf die Aktion der Hamas, zumal sie von Hamas-Unterstützer:innen zum gleichen Zeitpunkt auf diese Weise genutzt wird und auch so verstanden werden soll. Wer hier einfach nur sagt: „Ich ruf das aber immer, um auf die Lage des palästinensischen Volkes hinzuweisen und nehme gar keinen Bezug auf die Hamas“ liefert eine viel zu dünne Erklärung für das eigene Handeln ab, als dass diese Erklärung im Geringsten glaubhaft erscheinen kann.
Jede:r, der sich politisch links verortet und sich mit der Parole „Freedom for Palestine“ identifiziert ist im Mindesten in der Pflicht, sich deutlich von der Hamas abzugrenzen. Da reicht nicht ein nachgeschobener Halbsatz oder ähnliches. Wer auch nur im Ansatz eine Haltung vertritt, dass die Hamas die Interessen der Befreiung des palästinensischen Volkes vertritt, der kann auch gleich sagen, dass die Taliban die Interessen des afghanischen Volkes vertreten. Denn wenn die palästinensische Bevölkerung ein Interesse daran haben sollte, einen palästinensischen Staat „From the River to the Sea“ zu errichten, in welchem die Sharia gelten soll, dann wäre auch das palästinensische Volk wohl kaum als Ziel linker Solidarität geeignet. Wenn dem nicht so ist, dann ist es vollkommen unplausibel, das Interesse der Hamas mit dem Interesse der palästinensischen Bevölkerung in eins zu setzen. Dann wiederum ist aber gerade der Zeitpunkt, wo die Hamas Israel überfällt und ein regelrechtes Massaker anrichtet, ein falscher Zeitpunkt mit „Freedom for Palestine“ hausieren zu gehen und damit nicht vor allem zu meinen, dass die Hamas entmachtet werden soll. Dass jedenfalls Israel aktuell den Gazasteifen angreift und dabei auch drastische Folgen für die Zivilbevölkerung entstehen, ist die Folge des Angriffs der Hamas und nicht die Folge eines etwaigen israelischen Hasses auf die palästinensische Bevölkerung, auch wenn dieser in Teilen der israelischen Bevölkerung vorhanden sein wird.

+/+ Kindermörder Israel

Im aktuellen Kontext findet sich auch die Position, dass Israel – nachdem die Hamas unzweifelhaft ein Unrecht getan hat – nun selbst ein Unrecht anrichtet, weil es beim Angriff auf die Hamas im Gazastreifen keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Es also eine Art „Ausgleich“ in der Ungerechtigkeit gibt und sich quasi wieder einmal zeigt, dass die einen wie die anderen gegen die Werte der Menschlichkeit verstoßen, mit der Konsequenz, dass zwischen Israel und der Hamas kein wesentlicher Unterschied besteht. Dabei handelt es sich nicht um eine originär linke oder gar linksradikale Position. Es ist dies ja auch die Position, die seitens US-Präsident Joe Biden vertreten wird, wenn er der israelischen Regierung sagt, sie sollten sich an das Völkerrecht halten, oder wenn Israel von verschiedenen Seiten vorgeworfen wird, das Völkerrecht bereits zu brechen. Dass ein solcher Bruch vorliegt, das macht sich aktuell vor allem daran fest, dass die Zivilbevölkerung in Gaza eingeschlossen ist, also keine Möglichkeit zur Flucht hat und dass der Gazastreifen abgeriegelt ist, sich also auch nur schwerlich Hilfsgüter hineinschaffen lassen. Es ist offenkundig, dass die benannten Probleme bestehen. Es wäre aber zumindest zweierlei festzuhalten: Das Ziel dieser Maßnahmen scheint zumindest nicht zu sein, die Zivilbevölkerung zu bestrafen, sondern gegen die Hamas vorzugehen und deren erneutes Eindringen nach Israel nachhaltig zu verhindern, und: es ist schwerlich möglich, sich vorzustellen, wie denn ein Angriff auf die Hamas im Gaza aussehen sollte, bei dem nicht auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wird. Israel müsste also das Massaker der Hamas und die Entführung von Geiseln passiv hinnehmen, oder entgegen aller aktuellen Ereignisse an den Verhandlungstisch. Es zeigt sich also, dass in dieser Position auch eine gewisse „Tja, Pech gehabt“-Haltung steckt und es wäre dann zumindest ehrlich, diese auch offen zu vertreten und zu begründen. Mit dieser „Pech gehabt“-Haltung hängt auch oft zusammen, dass man der Meinung ist, Israel habe das alles selbst verschuldet, es hätte ihren jetzigen Mörderfeinden vorher nur die Hand reichen brauchen, dann wäre das nicht passiert, oder es hätte den Weg des Friedens einschlagen sollen und nicht den Weg des Krieges oder dergleichen mehr. Wann aber wie und was dann genau hätte gemacht werden sollen, wie so etwas aussehen sollte oder nicht, darüber weiß dann in der Regel niemand etwas zu sagen, oder eben nur mit weiteren Oberflächlichkeiten zu kommen, die sich dann als „na, halt irgendwie anders als jetzt, halt Zwei-Staaten-Lösung“ zusammenfassen lassen. Warum es falsch ist, auf der einen Seite den Opfern der aktuellen Gewaltakte zu sagen „na, da hätte eure Regierung halt früher mehr auf Frieden setzen müssen“, und auf der anderen Seite Bescheid zu wissen, dass die aktuellen Angriffe nur die Folge der Besatzung sind und zugleich die Zivilbevölkerung in keinem Zusammenhang mit dieser steht, haben wir schon deutlich gemacht. Zu sagen: Das Schlimme ist ja schon passiert, daran kann man nichts mehr machen, jetzt könnte zumindest doch Israel weiteres Schlimmes für die palästinensische Bevölkerung verhindern, ist jedenfalls nicht minder falsch und verflacht den aktuellen Konflikt zu einem “Schippe auf den Kopf gehauen – zurückgehauen“ Konflikt; gegen Schlimmes zu moralisieren kann jedenfalls bisweilen selbst etwas unmoralisches bekommen – politisch ist es in keinem Fall.

+/+ Die Freunde Israels

Zuletzt wollen wir noch einen weiteren Punkt ansprechen, der in der Auseinandersetzung des Öfteren auftritt: Die erklärte Freundschaft zum Staate Israel. Damit soll eine besonders innige Verbundenheit ausgedrückt werden, eine Verbundenheit, die die Solidarität mit Israel noch übersteigt.
Es ist natürlich so, dass jede:r seine oder ihre Freundschaft mit wem auch immer empfinden kann, so auch die Freundschaft zu Israel. Es bliebe bei dieser Art von Freundschaft zuerst aber einmal zu bemerken, dass dies ja eine ganz einseitige Freundschaftserklärung ist, und wenn eine Freundschaft einseitig ist, dann ist es im Grunde keine Freundschaft; daneben ist eine solche Freundschaftserklärung nahezu inhaltsleer. Freundschaft, so ausgelutscht dieser Begriff überhaupt heute ist, kommt ja auf vielfache Weise zustande, zum Teil sind es Gründe wie der, dass man sich halt lange kennt, oder der, dass man ein gemeinsames Hobby teilt. Gerade das aber soll doch in Bezug auf Israel nicht ausgedrückt werden, sofern es überhaupt darum geht, aus politischen Gründen Partei für Israel und die israelische Politik zu ergreifen und nicht einfach, weil man Israel aus willkürlichen Gründen mag und zum Freund haben will. Der zentrale politische Grund ist doch der: Antisemitismus und das Wissen darum, dass dieser in der Shoah gipfelt, wenn ihm kein Einhalt geboten wird; das Wissen darum, dass niemand ihm Einhalt gebot, bis weite Teile der europäischen Jüd:innen vernichtet worden waren. Und eben heute die Erkenntnis, dass es im Kampf der Hamas gegen Israel eben nicht nur um die Befreiung von einer beliebigen Besatzung geht, sondern um einen Kampf, der das Ziel hat, die Jüd:innen dieser Welt als den Quell der Probleme dieser Welt umzubringen. Das aber hat mit Freundschaft nichts zu tun. Um dagegen Position zu beziehen und dagegen zu kämpfen, dass dies passiert, muss es gar keine Freundschaft geben.
Es ist ebenso unpolitisch, den Freund, den man da erklärt, dann wie einen wirklichen Freund schadfrei halten zu wollen, ganz nach dem Motto „Auf den lass ich nichts kommen!“ und dann so zu tun, als wäre abgesehen von der Bedrohung durch den Antisemitismus mit dem guten Freund alles in Ordnung. Israel ist der Staat, der als größter Garant der Jüd:innen in dieser Welt existiert, aber er ist darauf doch gar nicht zu reduzieren. Er ist eben daneben auch ein bürgerlicher Staat mit den ganzen dazugehörigen Widersprüchen. Wer nicht bereit ist auch zu diesen in Anbetracht der Drohung durch den Antisemitismus zu stehen, der ist dann auch aus diesem Grunde nur ein halber Freund Israels, weil er ja anscheinend die Freundschaft an die Bedingung der Reinheit des Freundes geknüpft hat, und es dann ganz unklar bleibt, ob jemand weiterhin bereit ist, seine Freundschaft zu erklären, wenn nun zugegeben werden muss, dass der israelische Staat sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Wir denken jedenfalls, dass es besser wäre, anstatt sich auf Israel als Freund zu beziehen, explizit Position gegen die Hamas und andere antisemitische Schergen zu beziehen, und diejenigen, die sich diese – sei es offen, sei es insgeheim – zum Freund machen, zu konfrontieren; ferner, bei aller Aussichtslosigkeit in Anbetracht der weltweiten Entwicklungen und der aktuellen Lage in Israel am Kampf für eine freie und gute Welt festzuhalten; wird dies aufgegeben, dann hat der Antisemitismus, dann hat der Faschismus bereits gewonnen. Die Parole des Faschismus lautete schon immer: „Es lebe der Tod“. Und es wurde von Ferdinand Kürnberger festgehalten: „Das Leben lebt nicht.“ Wir aber sagen:

Tod dem Faschismus!
Nieder mit der Hamas und allen antisemitischen Schergen!
Es lebe das Leben!

 

 

 

+++von knack.news+++

 

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Ergänzungen

Gar nicht schlecht der Text. Allerdings: Das "Kindermörder Israel" narrativ soll vermutlich ironisch und "witzig" im Gegensatz zu "Freunde Israels" sein, wirkt es aber nicht. Hättet ihr bessser weggelassen, da es eine antisemitische Figur unkommentiert aufgreift. Ansonsten geht es in der Sache denke ich nicht salopp um "Freundschaft" zu Israel, auch nicht um eine Solidarität mit Israel (wie und warum sollte mensch mit Nationen solidarisch sein), sondern um das Existenzrecht Israels.

Gerade die Umklarheit was damit gemeint ist wenn von der Befreiung Palästinas gesprochen wird ist ein Treiber des Konfliktes. Wird Israel als ganzes als Siedlerkolonialismus betrachtet der ins Meer geworfen werden müsse, oder geht es um eine Ende der Besatzungspolitik in den palästinensischen Autonomiegebieten. Daher ist wichtig festzuhalten worum geht es. Das Ziel einer Vernichtung Israels ist und bleibt dabei antisemitisch und muss ebenso bekämpft werden wie die Hamas und Islamismus.