Krieg in Nahost – Schlammschlacht unter Linken (Wege aus der Spaltung)
Das Thema Isreal/Palästina spaltet uns als linke Bewegung bereits seit Jahren und seit Jahren versuchen Teile der Linken diese Spaltung zu Verringern. Dieser Text kann keine Lösung für den Krieg, das Leid und die Ungerechtigkeiten in Nahost bieten, aber einen Beitrag zur Verringerung der Spaltung leisten.
Die Realität anerkennen
Die Lage rund um Isreal/Palästina ist aufgrund der jahrzehntelangen Geschichte von unterschiedlich intensiven Konflikten und Kriegen enorm komplex und entsprechend schwierig zu durchdringen. Dazu kommt, dass kein Krieg ohne Kriegspropaganda der beteiligten Akteur*innen auskommt, was eine objektive Beurteilung zusätzlich erschwert. Jegliche schwarz-weiß/ gut-böse Darstellung ist dementsprechend höchst kritisch zu hinterfragen und sorgfältig in unterschiedlichen Medien zu recherchieren.
Das Leid auf allen Seiten ist als solches anzuerkennen.
Der islamistische Anschlag vom 7. Oktober der Hamas war das größte Massaker an Jüd*innen seit der Shoah. Er beinhaltete u.a. Mord, Zerstörung, Massenvergewaltigungen, Entführungen und Folter.
Die Gegenreaktion Israels bedeutete wiederum in Gaza und anderen palästinensischen Gebieten Mord, Zerstörung, Besatzung, Folter, bewusstes Herstellen einer humanitären Katastrophe und mehr. (Die Debatte, ob es als Genozid zu bezeichnen ist oder nicht, ändert nichts an dem unsäglichen Leid und an den Maßnahmen dieses zu beenden. In Zeiten zunehmender sprachlicher Radikalität, wo alles mögliche mit Superlativen bezeichnet wird, verliert der Begriff groteskerweise zunehmend an Bedeutung. Deshalb wollen wir uns nicht an dieser Debatte aufhalten.)
Ferner ist zu betonen, dass keine Regierung der Welt alle Menschen, die sie beherrscht und beansprucht zu repräsentieren, vollumfänglich vertritt. Tatsächlich leben sowohl in Gaza als auch in Israel ziemlich gespaltene Gesellschaften. Kurz vor dem 7. Oktober gab es relativ große Proteste gegen die Hamas. In Israel gab es auch bereits vor dem 7. Oktober eine große Opposition gegen die extrem rechte Regierung Israels.
Seit dem 7. Oktober haben auch hier in Deutschland Antisemitismus wie auch Islamfeindlichkeit in Kombination mit Rassismus enorm zugenommen und entsprechendes Leid verursacht, was oftmals unsichtbar bleibt.
Reflexionsfragen
Dogmatisch, rassistisch und antisemitisch sind immer die anderen, oder? Hier einige ungeordnete Fragen, die zur eigenen Reflexion dienen können. Selbstreflexion kann ein wichtiger Schritt sein, um der Spaltung konstruktiv zu begegnen.
- Was für Quellen nutze ich, um mich über Israel/Palästina zu informieren? Wie viel weiß ich überhaupt über die Hintergründe und Geschichte?
- Mit wem bin ich solidarisch? Mit Menschen oder mit Staaten? Reproduziere ich Nationalismus? (zB mit Symbolen)
- Ist mir jedes Menschenleben gleich viel wert – unabhängig von Nationalität, Religion, Kultur oder Hautfarbe?
- Wie viel meiner Haltung ist womöglich Selbstprofilierung, um auf „der richtigen Seite“ zu stehen oder dieser oder jener Gruppe zu entsprechen?
- Betrachte ich den Krieg als Krieg oder doch eher wie ein Fußballspiel, wo ich juble, wenn mein Team einen Punkt macht?
- Wie aware bin ich hinsichtlich Alltags-Antisemitismus, -Rassismus und -Islamfeindlichkeit?
- Die Parole „From the river to the sea – palastine will be free!“ suggeriert die Auslöschung Isreals. Findest du das okay?
- Widersprichst du Genoss*innen, die sich antisemitisch, rassistisch, islamfeindlich oder anderweitig menschenfeindlich äußern?
- Bist du in irgendeiner Form selbst betroffen?
Wege aus der Spaltung
Warum wollen wir die Spaltung überhaupt überwinden?
„Wir sind mehr!“ gilt schon lange nicht mehr. Das sind inzwischen die Rechten. Oder anders gesagt: Weil wir keine Wahl mehr haben! Wir stehen mit dem Rücken zur Wand angesichts der rasant fortschreitenden Faschisierung und können nur gemeinsam etwas verändern oder zumindest bestehen. Das ist keine Forderung für Unity um jeden Preis, aber ein klarer Appell, so weit zusammenzurücken wie nur möglich. Wenn wir genauer hinschauen, sind wir oftmals auch gar nicht so weit voneinander entfernt, wie es scheint.
Wie kann eine Überwindung der Spaltung aussehen? Dazu sehen wir die Vernetzung anhand von Gemeinsamkeiten und konkreten gemeinsamen Aktionen und Veranstaltungen als den Schlüssel. Statt sich zu profilieren, den Fokus auf das Gemeinsame wie den Kampf gegen die Faschisierung zu legen, kann uns einen. Vernetzung dazu mit Gruppen anhand konkreter Sachen gibt der Vernetzung einen Grund, einen Drive und eine gemeinsame Sache, die zusammenschweißen kann. Dies schafft auch soziale Situationen, die zu lockerem und tendenziell weniger dogmatischeren Austausch führen können. Ein gegenseitiges Kennenlernen auf sozialer Ebene führt zu besseren Voraussetzungen für konstruktive und faire Diskussionen und gegenseitige Kritik, anhand derer wir uns verbessern können. Gruppenübergreifende Nazi-Blockaden können ein Beispiel dafür sein, aber gerade in kleineren Aktionen und Veranstaltungen gibt’s weniger Anonymität bzw. mehr Raum für Begegnungen. Wie wäre es also, zusammen mit einer anderen Gruppe mal eine Küfa zu machen und einen Film zu zeigen?
Mit der Corona-Pandemie kam auch eine Schwurbel-Pandemie. In dieser Zeit haben wir viele Genoss*innen an Verschwörungskacke verloren. Von diesen ehemaligen Genoss*innen wurde sich dann in der Regel konsequent abgegrenzt. Diese Abgrenzung war richtig und nötig. Allerdings gab es für die Genoss*innen, die dann doch wieder zur Vernunft gekommen sind, kaum die Möglichkeit, zurück in die Bewegung zu finden. Das sollten wir hier auch mitdenken. Lasst uns abgedrehte Anti-Imps und Anti-Ds rehabilitieren, wenn sie dazu bereit sind.
Das Thema Isreal/Palästina hat auch viel bereits bestehenden Antisemitismus und Rassismus in Kombination mit Islamfeindlichkeit zu Tage befördert, die schon vorher bestanden. Hier sehen wir einen hohen Bedarf an entsprechender Sensibilisierung und Bildung. Die langjährige harte Arbeit von antirassistischen Gruppen hat es geschafft, dass allmählich Rassismus in der linken Bewegung abgebaut wird. In der Hinsicht sind wir noch lange nicht am Ziel, aber es soll zeigen, dass es möglich ist, Diskriminierungen abzubauen. Sowas braucht es auch für Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.
Siamo tutti antifascisti!
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